Im zweiten Lebensjahr ändert sich die Rolle der Eltern grundlegend. Das Kind ist aufgrund seiner körperlichen und seelischen Entwicklung allmählich in der Lage, sich aus der engen Bindung an die Erwachsenen zu lösen. Es erlebt sich immer selbstbewusster als eigenständiges Individuum und kann schon viele Dinge selbst tun, die es im ersten Jahr den Erwachsenen, vor allem seinen Eltern, überlassen musste:
Es läuft ohne Hilfe, es versucht mehr und mehr ohne Hilfe zu essen und drückt seine Wünsche und Bedürfnisse deutlicher aus. Dadurch gewinnen die Eltern und das Kind neuen Freiraum. Im ersten Jahr mussten sie sich in ihrem Lebensrhythmus weitgehend dem Baby anpassen, jetzt haben sie mehr Spielraum. Die neue Freiheit bringt jedoch auch einige Aufgaben mit sich. Es genügt nun nicht mehr, dass die Eltern dem Kind Nahrung, Liebe und Wärme geben. Es braucht jetzt mehr Anleitung, Erklärungen und geduldige Lehrer, es muss allmählich mit ausgewählten Regeln und Normen des menschlichen Zusammenlebens vertraut gemacht werden. Die Erziehung folgt den offenen oder verdeckten Zielen, die Eltern für ihr Kind verfolgen, also den Zielen, die Eltern bewusst anstreben und denjenigen, die unausgesprochen oder unbewusst, oft auch ungewollt, verwirklicht werden.
Deshalb ist es wichtig für Sie, sich von Zeit zu Zeit mit der Frage auseinanderzusetzen: “Welche Ziele haben wir mit (und für) unser Kind, wohin wollen wir es führen, welche Eigenschaften und Fähigkeiten sollen wir besonders fördern?” Wenn sie ehrlich mit sich selbst sind, werden sie wahrscheinlich feststellen, dass sich dabei auch sehr persönliche, unter Umständen auch egoistische Wünsche einschleichen: das Kind soll so werden wie der Vater oder die Muter, es soll möglichst lange ein anhängliches Kind bleiben, es Träume verwirklichen, die die Eltern selbst nie realisieren konnten usw. Diese Wunschvorstellungen lassen sich nicht leicht ausschalten. Ausschlaggebend ist, dass man solche Einstellungen und Haltungen nicht gewaltsam unterdrückt, sondern dass man sich über entsprechende Ansprüche an das Kind klar wird und sie sich eingesteht. Nur so kann man sie auf ein vertretbares Maß reduzieren und eventuell korrigieren. Im zweiten Lebensjahr können sie sich, neben und ergänzend zu den Entwicklungsanregungen, besonders auf die Bereiche konzentrieren, die sich jetzt bei ihrem Kind in stürmischer Entwicklung befinden: Sprache, Motorik, Denken und Selbstständigkeit. Auf einige diesbezügliche Erziehungsziele wird im Folgenden besonders eingegangen.