In den ersten Lebensjahren wird das spätere Gefühlsverhalten eines Menschen geprägt. Daher sollten die positiven Gefühlserlebnisse (z.B. Freude oder Entspannung) die negativen (z.B. Angst, Enttäuschung oder Hilflosigkeit) deutlich überwiegen. Ein gewisses maß an negativen Erfahrungen wird sich jedoch nicht vermeiden lassen und ist sogar notwendig. Denn das Kind muss ja lernen, auch mit Enttäuschungen fertig zu werden. Ein Kind, dem man jede Schwierigkeit aus dem Weg räumt, wäre später allzu verletzlich. Um Missverständnissen vorzubeugen: diese Frustrationen sollen natürlich nicht absichtlich von den Eltern verursacht werden.
In aller Regel ergeben sie sich in ausreichender Menge von selbst, z.B. durch Verbote, auf denen man zum Schutz des Kindes bestehen muss, aber auch aus den Misserfolgen, die das Kind wegen seiner noch mangelnden Fähigkeiten immer wieder erlebt. Positive Gefühle sind auch während des ersten Lebensjahres nicht nur an die Befriedigung physischer Bedürfnisse geknüpft. Ein Kind lächelt nicht nur zufrieden, wenn es satt ist, sondern auch, wenn sich eine vertraute Person nähert. Dagegen ist es unzufrieden, wenn man streng mit ihm redet. Die sozialen Gefühle des Kindes werden im zweiten Lebensjahr immer vielfältiger und differenzierter. Es freut sich nicht nur über freundliche Zuwendung, sondern sucht auch von sich aus schon Zärtlichkeit, besonders wenn es müde wird. Es reagiert gekränkt, beleidigt oder wütend, wenn ihm etwas nicht passt und zeigt Freude und Stolz aufgrund einer eigenen Leistung. Seine Gefühle äußert es jetzt differenzierter. Das zeigt sich vor allem in Situationen, die Zorn oder Angst hervorrufen. Früher schrie es, wenn es Wut oder Angst ausdrücken wollte. Jetzt hat es mehr Möglichkeiten: Es kann im Widerstand seinen Körper versteifen, feuert zornig seine Spielsachen durchs Zimmer oder läuft ängstlich weg. Später kann es auch mit Worten seine Gefühle ausdrücken. Behinderungen in der Bewegungsfreiheit nimmt das Kind jetzt nicht mehr geduldig hin, auch nicht die Vereitelung seiner Absichten. Es versucht stattdessen, zielbewusst seinen Willen durchzusetzen und reagiert unwillig, wenn es anbei gehindert wird. Es neigt stark zur Eifersucht, wenn ihm die Aufmerksamkeit der Mutter oder des Vaters nicht ungeteilt gilt. Das wird z.B. problematisch, wenn gegen Ende des zweiten Lebensjahres ein Geschwisterchen geboren wird und das Erstgeborene die damit gegebene Veränderung wahrnimmt. Jetzt erlebt ihr Kind auch häufiger Angstgefühle. Es kann immer mehr Gefahren erkennen, weiß aber noch nicht, inwieweit es bedroht ist und wie es sich davor schützen kann. Dunkle Zimmer, Alleinsein oder plötzliche Ortsveränderungen ängstigen es, es fürchtet sich, wenn es auf dem Tisch steht oder nicht über einen Stuhl herunterklettern kann. Dann weint es, verbirgt das Gesicht oder sucht sicheren Abstand zu gewinnen. Auch Gefühle wie Besitzenwollen (z.B. Spielsachen anderer Kinder) oder Mitleid (mit jemandem, der weint) kennt es bereits.
Es gibt jedoch noch bedeutsame Unterschiede zum Gefühlsleben der Erwachsenen. So kann es seine Gefühle noch nicht steuern, es drückt sie vielmehr sofort in sichtbaren Handlungen aus. Dadurch wird eine schnelle Befreiung erreicht. Die Gefühle wechseln also häufig. Das hängt auch damit zusammen, dass seine Aufmerksamkeitsspanne noch sehr kurz ist. Es hat z.B. bald den Anlass seiner Tränen vergessen, wenn es abgelenkt wird. Seine Gefühlsausbrüche sind sehr intensiv, feinere Abstufungen sind noch wenig ausgebildet. Deshalb reagiert es gleich stark auf bedeutende und unbedeutende Anlässe. Wenn es versucht, seine Gefühle zu unterdrücken, z.B. aus Furcht vor Strafe, stellen sich andere Verhaltenssymptome ein: Es läuft unruhig hin und her, es uriniert öfter als sonst, es isst nur wenig und entwickelt nervöse Angewohnheiten. Man kann also meistens recht leicht erkennen, was ein Kind gerade empfindet. Sein soziales Verhalten zu gleichaltrigen Kindern ist durch die Eigenart seiner Gefühlswelt geprägt. Manche Verhaltensweisen erscheinen egoistisch oder aggressiv, stellen jedoch ein ganz normales Entwicklungsstadium dar und dürfen deshalb nicht negativ bewertet werden. Häufig scheint das gemeinsame Spielen im Wesentlichen darin zu bestehen, dass sich die Kinder gegenseitig die Spielsachen wegnehmen.
Sie können eben noch nicht teilen oder gemeinsam mit demselben Spielzeug spielen. Manchmal ahmen sich die Kinder auch lediglich nach, jeder will tun, was der andere tut. Gleichaltrige Kinder sitzen auch gern nebeneinander und jedes spielt für sich. Für den Beobachter sieht es zunächst so aus, als ob jedes genauso gut allein sein könnte. Doch an einem gelegentlichen Anlächeln oder Blickwechsel merkt man, dass die Kinder ihre gegenseitige Nähe doch genau wahrnehmen und ihnen das Zusammensein Spaß macht. Die wichtigsten Partner für das Kind sind immer noch die Eltern. Der soziale Kontakt mit ihnen befriedigt es am meisten. Denn ihnen fällt es leicht, der gebende und vorausschauende Teil zu sein, sie können sich am besten auf das Kind einstellen. Es kann sich deshalb bei ihnen entspannen und wohl fühlen.