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Selbst wenn ihr Kind Geschwister hat, können diese gleichaltrige Spielfreunde nicht jederzeit ersetzen. Überlegen sie : Das 48 Monate alte erstgeborene ist für ihr 24 Monate altes Kind doppelt so alt, nicht einfach nur zwei Jahre älter. Wenn sie sich vorstellen, sie hätten als 30 – Jährige nur eine Freundin von 60 Jahren – da würden ihnen Kontakte mit mehr Gleichaltrigen fehlen. Ein jüngerer Bruder oder eine jüngere Schwester ist für das Kind im zweiten Lebensjahr zum Spielen noch zu klein.
Und mit dem älteren Kind spielt es zwar gerne und übernimmt spezielle fortgeschrittene Verhaltensweisen, es gewinnt so in der einen oder anderen Hinsicht sogar einen Entwicklungsvorsprung. Die Verhaltensweisen des älteren Kindes überfordern das jüngere jedoch oft. Es kann sie noch nicht in das eigene Verhalten einbauen, weil sie seinen Möglichkeiten nicht entsprechen. Für das ältere Kind in der Familie kann sich der ausschließliche Umgang mit dem kleineren Kind entwicklungshemmend auswirken, wenn es dadurch zu wenig altersgemäße Entfaltungsmöglichkeiten hat.
Eine weitere Gefahr liegt in der einseitigen Rollenfestlegung. Unter Geschwistern soll das ältere Kind oft Rücksicht nehmen, vernünftig und überlegen sein; das jüngere erlebt häufig kleine Niederlagen, weil es die Leistungen des älteren nicht erreichen kann. Selbstverständlich sollen Geschwister viel miteinander spielen – aber jedes von ihnen braucht auch Kontakte mit altersgleichen Kindern. Außerdem erlebt so jedes Kind, dass es nicht nur eine bestimmte Rolle in der Familie hat, sondern dass es eine eigenständige Persönlichkeit ist. Das Spielen mit Freunden und Freundinnen ist zugleich ein gutes Mittel, Konflikten und Spannungen vorzubeugen, die durch das häufige Zusammensein von Geschwistern unweigerlich entstehen.
Es ist erstaunlich, wie gut sich Geschwister vertragen, wenn sie nicht miteinander spielen müssen. Das gemeinsame Spielen von Geschwistern mit geringerem Altersabstand kann allerdings, wenn andere störende Einflüsse nicht auftreten (z.B. Rivalität um die Zuneigung der Mutter oder des Vaters), mit jedem weiteren Lebensjahr auch besser werden. Also für beide entwicklungsanregend sein.
Im zweiten Lebensjahr ändert sich die Rolle der Eltern grundlegend. Das Kind ist aufgrund seiner körperlichen und seelischen Entwicklung allmählich in der Lage, sich aus der engen Bindung an die Erwachsenen zu lösen. Es erlebt sich immer selbstbewusster als eigenständiges Individuum und kann schon viele Dinge selbst tun, die es im ersten Jahr den Erwachsenen, vor allem seinen Eltern, überlassen musste:
Es läuft ohne Hilfe, es versucht mehr und mehr ohne Hilfe zu essen und drückt seine Wünsche und Bedürfnisse deutlicher aus. Dadurch gewinnen die Eltern und das Kind neuen Freiraum. Im ersten Jahr mussten sie sich in ihrem Lebensrhythmus weitgehend dem Baby anpassen, jetzt haben sie mehr Spielraum. Die neue Freiheit bringt jedoch auch einige Aufgaben mit sich. Es genügt nun nicht mehr, dass die Eltern dem Kind Nahrung, Liebe und Wärme geben. Es braucht jetzt mehr Anleitung, Erklärungen und geduldige Lehrer, es muss allmählich mit ausgewählten Regeln und Normen des menschlichen Zusammenlebens vertraut gemacht werden. Die Erziehung folgt den offenen oder verdeckten Zielen, die Eltern für ihr Kind verfolgen, also den Zielen, die Eltern bewusst anstreben und denjenigen, die unausgesprochen oder unbewusst, oft auch ungewollt, verwirklicht werden.
Deshalb ist es wichtig für Sie, sich von Zeit zu Zeit mit der Frage auseinanderzusetzen: “Welche Ziele haben wir mit (und für) unser Kind, wohin wollen wir es führen, welche Eigenschaften und Fähigkeiten sollen wir besonders fördern?” Wenn sie ehrlich mit sich selbst sind, werden sie wahrscheinlich feststellen, dass sich dabei auch sehr persönliche, unter Umständen auch egoistische Wünsche einschleichen: das Kind soll so werden wie der Vater oder die Muter, es soll möglichst lange ein anhängliches Kind bleiben, es Träume verwirklichen, die die Eltern selbst nie realisieren konnten usw. Diese Wunschvorstellungen lassen sich nicht leicht ausschalten. Ausschlaggebend ist, dass man solche Einstellungen und Haltungen nicht gewaltsam unterdrückt, sondern dass man sich über entsprechende Ansprüche an das Kind klar wird und sie sich eingesteht. Nur so kann man sie auf ein vertretbares Maß reduzieren und eventuell korrigieren. Im zweiten Lebensjahr können sie sich, neben und ergänzend zu den Entwicklungsanregungen, besonders auf die Bereiche konzentrieren, die sich jetzt bei ihrem Kind in stürmischer Entwicklung befinden: Sprache, Motorik, Denken und Selbstständigkeit. Auf einige diesbezügliche Erziehungsziele wird im Folgenden besonders eingegangen.
Die meisten Eltern sind der Ansicht, ein Kind brauche Geschwister, Einzelkinder würden zwangsläufig verwöhnt, egoistisch und lebensuntüchtig. Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass diese Meinung falsch ist. Einzelkinder haben sogar, wenn die notwendigen ausgleichenden Maßnahmen nicht übersehen werden, sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten.
Sie besitzen im Durchschnitt eine bessere körperliche und psychische Verfassung als Geschwister: Sie sind häufig weniger ängstlich, können sich leichter anpassen, zeigen in vielen Bereichen höhere Leistungen und lassen sich nicht so schnell entmutigen. Ähnlich positiv schneiden übrigens auch Erstgeborene mit einem relativ großen Altersabstand zu den nachfolgenden Geschwistern ab. Das alles lässt sich durch die intensive Förderung und ungeteilte Zuwendung besonders in den ersten Lebensjahren erklären, ferner durch die günstige ökonomische Situation sowie das soziale und ökologische Umfeld der Familien von Einzelkindern. Starke Verwöhnung, Isolierung von anderen Kindern und zu hohe Erwartungen der Eltern können sich aber auch ungünstig auf das Einzelkind auswirken.
Ein so erzogenes Kind bleibt dann unselbstständig, ängstlich und neigt zu altklugem oder clownhaftem Auftreten. Es lässt sich aufgrund dieser Erkenntnisse also nicht pauschal beantworten, ob es für ein Kind besser ist, die ungeteilte Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern zu besitzen oder unter Geschwistern aufzuwachsen. Jede Situation bringt Vor- und Nachteile mit sich, die durch die Wahl der ergänzenden Spielfreunde und durch ihr eigenes Verhalten ausgeglichen werden können. Bei geschicktem Verhalten der Eltern finden Kinder, die mit Geschwistern aufwachsen, leichter zu einem sozialen Miteinander als Einzelkind, das gilt vor allem für das Verhalten innerhalb altersgemischter Kleingruppen. Sie beziehen aus der Gruppe einen starken Rückhalt und ein ausgeprägtes Wir – Gefühl. Sie entwickeln früh einen Sinn für Gerechtigkeit und lernen, Menschen mit ihren verschiedenen Fähigkeiten zu respektieren. Daher fällt es ihnen leichter als Einzelkindern, ungleiche Behandlung, wie sie überall in unserer sozialen Wirklichkeit anzutreffen ist, ohne allzu starke Frustrationen zu verarbeiten. Kinder, die mit Geschwistern aufwachsen, erleben sich je nach ihrer Stellung innerhalb der Geschwisterreihe verschieden. Es liegt überwiegend an den Eltern, wie ein Kind die Rolle des älteren oder jüngeren Bruders bzw. der älteren oder jüngeren Schwester erlebt und verarbeitet. Je mehr Kinder in einer Familie leben, desto sicherer fühlen sich das älteste und das jüngste Kind. Ihre Rollen sind genau definiert und werden ihnen von niemanden streitig gemacht.
Die mittleren Kinder dagegen haben mehr Schwierigkeiten, die mit der Anzahl der Kinder steigen, das sie sowohl mit älteren wie auch mit jüngeren Geschwistern Rivalitätskonflikte austragen müssen. Die Gefahr, dass das Nesthäkchen bevorzugt wird, ist bei diesen Familien größer als bei der Zwei-Kind-Familie. Dadurch fällt es dem Jüngsten später schwer, die notwendigen Pflichten zu akzeptieren und zu erfüllen. Die Älteren reagieren ihre Eifersucht untereinander b, nicht jedoch gegenüber dem Jüngsten.